Being friends with somebody who met Ana: Letter To Lina (GER)

Hey there! Today, I would like to share a quite personal text with you that I wrote it in a creative writing course during my last semester at university. It’s a fictive letter to a girl named Lina that suffers from Anorexia. To write this I had to change perspective from the one with the eating disorder to a friend who feels helpless watching Lina „fade“ more and more. The text is written in German, but if you wish an English translation, let me know, and I’ll work on it.

Liebe Lina,

seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ist es Herbst geworden. Vielleicht hörst du nachts ja manchmal die Äste gegen dein Fenster schlagen oder den Wind, der Blätter gegen die Scheibe weht. Vielleicht interessiert dich das alles auch gar nicht.
Sonntags gehe ich immer noch in den Park, auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist, ohne dich. Ich drehe dann meine Runden, die mal unsere Runden waren. Am Weiher entlang, wo die Enten schon die Schnäbel unter die Flügel stecken, dann vorbei an der Kirche und bis zu der Bank, auf der alte Frauen auf ihre Stöcke gestützt sitzen und sich Geschichten erzählen. Das Laub liegt inzwischen so hoch, dass ich aufpassen muss, um nicht darauf auszurutschen. Und trotzdem schließe ich manchmal die Augen, für ein paar Atemzüge nur, um dich wieder neben mir zu sehen, den wippenden Pferdeschwanz und dieses Leuchten. Ach Lina, es ist so viel leichter, sich das vorzustellen, als, dass du gerade in irgendeinem Krankenhausbett liegst und an die Decke starrst.

Erinnerst du dich an diesen einen Abend im letzten Winter? Es muss irgendwann Ende November gewesen sein. Vor dem Fenster hat der Nebel sich wie eine weiße Wand gegen die Scheiben gepresst, hat alles noch stiller gemacht und dumpf. Wir haben uns Tee gekocht und uns mit den dampfenden Tassen an den Küchentisch gesetzt. Dann hast du in die Stille hinein gefragt, ob ich auch noch deine Freundin wäre, wenn du nicht du wärst. Erst habe ich dich nicht verstanden.
Na, wenn ich zum Beispiel ich wäre, nur in einem anderen Körper, hast du gesagt. Oder wenn ich nur eine Stimme wäre in einem Glas, würdest du mich dann noch genauso mögen? Und ich habe kurz in mich hineingespürt. Habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn du eine Glatze hättest oder Segelohren oder hundertfünfzig Kilo wiegen würdest und dann musste ich lachen. Natürlich würde ich dich dann noch genauso mögen, habe ich gesagt und es auch so gemeint. Schwörst du es?, hast du gefragt und ich habe genickt.

Damals war mir noch nicht klar, dass Seele und Körper zusammengehören. Die eine Seite kann nicht ohne die andere und, wenn eine von beiden leidet, leidet die andere mit. Heute ist dein Körper zu schwach, um dich noch zu tragen. Jedes Mal erschrecke ich, wenn die Krankenschwester dein Nachthemd hochschiebt und ich die Rippen zählen kann. Wenn du dich neben mir durch die Flure des Krankenhauses schleppst, als wärst du schon eine alte Frau.
Lange Zeit habe ich nicht verstanden, wieso du deinen Körper so zerstörst. Wieso du dich selbst zerstörst. Ich habe nicht begriffen, dass dein Körper nur das Schlachtfeld ist und der eigentliche Kampf sich ganz woanders abspielt. Irgendwann waren die Stimmen da, ich weiß nicht woher oder warum, nur, dass sie da sind, hast du mal gesagt und dich dabei unter deiner Decke ganz klein gemacht. Was, wenn sie bleiben?, hast du gefragt und ich hatte keine Antwort. Ich habe dir über den Rücken gestreichelt und angefangen, die Stimmen zu hassen.

Dabei weiß ich, dass es dir nie darum ging, gut auszusehen, deinen Körper zu formen. Du bist laufen gegangen, weil du es geliebt hast. Den Gegenwind im Gesicht zu spüren. Das Pulsieren der Muskeln nach dem Sprint. Danach saßen wir in der Eisdiele und, wenn der Kellner gefragt hat, ob du noch Sahne haben möchtest, hast du „si, prego“ gerufen und er hat dich „bella“ genannt.
Dann kam das Abitur, dann kamen die Fragen, dann kam die große Leere. Da muss es so viel in dir gegeben haben, das du nicht sagen konntest. Aus Angst hast du die Stimmen sprechen lassen. Was fehlt dir, Lina?, wurdest du gefragt und die Stimmen haben für dich gelogen: Nichts. Mir geht es gut.

Dabei konnte man zusehen, wie du Tag für Tag weniger wurdest. Du hast die Zahlen auf der Waage fallen sehen und dich stark gefühlt. Dann hast du im Spiegel die dünnen Haare gesehen. Die schuppige Haut an den Schienbeinen und die hervorstehenden Schulterblätter, wie bei einem Engel ohne Flügel. Du hast dich erschrocken, aber da war es schon zu spät und die Stimmen hatten es sich in deinem Kopf längst bequem gemacht.

Du bist nicht allein, Lina. Du bist nicht die einzige, die Angst hat und die nicht weiß wohin. Weil nichts mehr sicher ist, werden manche von uns depressiv, andere fangen an zu trinken oder schlagen ihre Frauen. Wieder andere versuchen, wie du, Herr über ihre Körper zu werden. Weil es doch wenigstens noch einen Bereich geben muss, den wir kontrollieren können. Weil es doch irgendwo noch das Gefühl geben muss, endlich auch mal etwas besser zu machen als der Rest, wenn wir sonst schon nur einer von vielen sind.
Deshalb schließen wie uns freiwillig ein, in einen Käfig aus selbstauferlegten Regeln und guten Vorsätzen, und hoffen, dass niemand aufschließt, weil wir uns dann unseren wirklichen Ängsten stellen müssten. Also bleiben wir im Käfig. Verkneifen uns das Stück Schokolade und verschenken dafür den Zauber des Moments. Gehen lieber trainieren, anstatt einen gemütlichen Abend mit Freunden zu verbringen. Wundern uns dann, warum das Glück sich nicht einstellt. Wo wir doch eigentlich alles richtig machen.
Dabei übersehen wir, wie eng es im Käfig ist. Vielleicht klopft das Glück längst an, aber wir hören es nicht, weil der Käfig keinen Freiraum lässt für spontane Besuche oder Überraschungen. Wir müssen erst wieder lernen, was es heißt, Fehler zu machen. Sich fallenzulassen. Dem Moment Raum zu geben und den Gefühlen, auch den negativen. Es gibt keinen Kompass, der uns zum guten Leben führt, und auf dem Weg können wir stolpern. Mehr als einmal.
Lina, ich schreibe dir das alles, weil ich mir wünsche, dass du mutig genug bist, den Käfig aufzuschließen. Die Lina, die ich kenne. Die Lina, die leben will und nicht nur existieren.

Vielleicht wirst du diesen Brief nie lesen. Vielleicht zerreißt du ihn, wenn du meine Handschrift auf dem Umschlag erkennst, oder bittest die Krankenschwester, ihn wieder mitzunehmen. Aber Lina, das ist mir egal. Und wenn ich noch hunderte Briefe schreiben muss.
Alles, was ich sicher weiß, ist, dass der Winter bald kommen wird. Dass dann ein Sommer kommt und danach ein neuer Herbst. Und irgendwann kommt der Moment, in dem ich durch den Park laufe, die Augen öffne und dich tatsächlich wieder neben mir sehe, den wippenden Pferdeschwanz und dieses Leuchten. Vielleicht müssen bis dahin noch einige Herbste vergehen, aber ich werde auf dich warten, Lina, weil ich weiß, dass es das wert ist. Dass du es wert bist. Du kannst dich auf mich verlassen. Ich hab es dir schließlich geschworen.

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2 Gedanken zu “Being friends with somebody who met Ana: Letter To Lina (GER)

  1. dein Schreibstil gefällt mir ungaublich gut . Da ich selbst mit einer Esstörung zu kämpfen habe / hatte kann ich gut nachvollziehen von was zu schreibst . Bleib stark , you got this !

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